Ich habe lange gedacht: Scheisse, mit mir stimmt was nicht.
Dass ich die Einzige bin, bei der die Wechseljahre nicht die ganze Geschichte sind, sondern nur ein Teil von etwas viel Größerem.
Meine Eltern brauchten plötzlich mehr Unterstützung. Im Job kamen Fragen auf, die ich jahrelang verdrängt hatte. Meine Beziehung fühlte sich anders an. Und irgendwo dazwischen fragte ich mich: Warum gerät gerade alles gleichzeitig ins Wanken?
Wechseljahre erklären, was im Körper passiert. Sie erklären nicht, warum plötzlich das ganze Leben wackelt.
Darum sage ich: Lebensmitte ist mehr als Wechseljahre
Das Wichtigste in Kürze
Kein Drei-Schritte-Plan. Keine Checkliste. Aber Haltung.
- These: Lebensmitte ist mehr als Wechseljahre.
- Körperliche Symptome wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen sind real – der öffentliche Diskurs reduziert die Lebensmitte aber zu oft allein darauf.
- "Wechseljahrs-Glitzer" meint jede Verpackung, die diese Phase kleiner oder positiver darstellt, als sie sich anfühlt: endlose Symptomlisten, verfrühte Freiheits-Erzählungen, fehlende psychische Perspektive, Empowerment-Content vermischt mit Werbung.
- Mehrere Lebensbereiche können gleichzeitig kippen – Elternpflege, Beruf, Beziehung, Zukunftsfragen – nicht nacheinander, sondern parallel.
- Die Lebensmitte ist keine Krankheit, sondern eine Phase; Beschwerden lassen sich trotzdem behandeln.
- Wichtiger als schnelle Zukunftsperspektiven: erst Anerkennung, dass diese Phase gerade schwer ist.
- Kein Fazit, sondern Haltung: Lebensmitte ist eine Phase, in der Körper, Beziehungen, Arbeit, Familie und Identität neu verhandelt werden.
Der Moment, in dem mir das zu blöd wurde
Wechseljahrs-Symptome sind real. Aber nicht alles.
Bevor irgendwer denkt, ich würde jetzt gegen Wechseljahre wettern: Nein!
Hitzewallungen? Hatte ich. Schlafstörungen? Hatte ich. Hüfte, Gelenke, Knochen – das ganze Programm. Alles real. Alles ätzend. Und gut, dass darüber heute endlich offener gesprochen wird als noch vor ein paar Jahren.
Aber, das ist nicht mein Beef.
Was mir gefehlt hat
Mein Beef ist ein anderer: Während mir mein Leben um die Ohren flog, drehte sich draußen fast jedes Gespräch, jeder Artikel, jedes Reel nur darum – um Körper, um Symptome, um Hormonwerte.
Ich habe gesucht, nach jemandem, der auch über die anderen Themen spricht. Gefunden habe ich niemanden. Keine Vorbilder, keine Community, nur gefühlt hundert Artikel über Hitzewallungen und Progesteron.
Ist das wirklich alles, was gerade mit mir passiert, fragte ich mich? War es nicht.
Wechseljahrs-Glitzer
Wechseljahrs-Glitzer – das ist für mich alles, was diese Phase kleiner, hübscher oder eindeutiger malt, als sie sich mittendrin anfühlt. Keine Kritik an Aufklärung, keine Kritik an Ärztinnen, die gute Arbeit leisten, sondern Kritik an der Verpackung, an der Reduktion aufs Körperliche. Kurz gesagt:
Wechseljahre erklären, was im Körper passiert. Warum aber plötzlich das ganze Leben wackelt, erklären sie nicht. Die Wechseljahrs-Symptomliste, die nie zu Ende ist
Diese Liste wächst jedes Jahr, und das ist auch gut so, denn je mehr Frauen wissen, was mit ihrem Körper geschieht, desto besser für alle. Doch selbst eine vollständige Liste kann nicht erklären, warum sich das ganze Leben plötzlich fremd anfühlt!
"Das große Tor zur Freiheit" – zu früh, zu positiv
Das andere Extrem nervt mich mindestens genauso: Frauen, die erzählen, die Wechseljahre seien ihr Tor zur Freiheit gewesen, endlich sie selbst, endlich frei. Weißt du was? Vielleicht stimmt das sogar – für dich, rückblickend, irgendwann. Aber mittendrin, als bei mir Eltern, Business und Beziehung gleichzeitig um die Ohren flogen, wollte ich davon kein einziges Wort hören.
Erzähl mir nix von Freiheit, wenn ich noch nicht mal begriffen habe, was mit mir passiert. Ich wollte erst mal, dass wahrgenommen und bestenfalls angenommen wird: Ja, läuft grad scheisse bei mir.
Über Freiheit reden wir danach, nicht vorher.
Mental Health ist kein Nebenschauplatz
Was mich am aktuellen Wechseljahre-Diskurs wirklich stört? Dass die mentale Gesundheit unter den Teppich gekehrt wird. Wir reden über Hitzewallungen – aber nicht über Sinnkrisen. Dabei stellt sich eine Frau in der Lebensmitte die krassesten Fragen ihres Lebens:
Wer bin ich wirklich?
Was will ich noch?
Wie kriege ich Sinn in meinen Beruf?
Wo und wie will ich leben?
Und oft hat sie erst mal keine Antwort auf diese Identitätsfragen.
Ein paar Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen auf Instagram widmen sich dem Thema, doch selbst sie streifen die Lebensmitte meist nur am Rand.
Aber hey, Mental Health ist kein Nebenschauplatz.
Content und Werbung im selben Atemzug
Und dann ist da noch dieses Ding auf Instagram: In meinem Feed taucht immer wieder dieselbe Mischung auf – "was ich in den Wechseljahren alles gelernt habe", direkt gefolgt von Werbung für Nahrungsergänzungsmittel oder das nächste Beauty-Produkt, dass dich jünger aussehen lassen soll.
Don't get me wrong: Es gibt großartige Stimmen da draußen, Ärztinnen etwa, die wirklich gut aufklären. Aber diese Mischung aus "ich habe mich selbst gefunden" und "kauf jetzt dieses Pulver" passt für mich einfach nicht zusammen. Fühlt sich nicht ehrlich an.
Was bei mir gleichzeitig passierte, während alle über Hitzewallungen redeten
Eltern, Business, Beziehung, Wechseljahre – alles auf einmal
Ich dachte lange, ich müsste nur eine einzige Sache klären: meinen Job. Also kniete ich mich rein, stellte das Business neu auf, korrigierte den Kurs, wollte klarer werden. Während ich damit zu Gange war, wurden meine Eltern pflegebedürftig, meine Beziehung geriet unter Druck – wir lebten plötzlich eher nebeneinander her als miteinander – und mittendrin, wie aus dem Nichts, tauchte diese Frage auf:
Kann ich im Alter überhaupt allein leben?
Und, noch größer: Wie will ich als Nächstes leben?
Dazu kamen, als wäre das nicht schon genug gewesen, die Wechseljahre. Das war keine Liste von Problemen, die ich der Reihe nach hätte abarbeiten können, sondern alles gleichzeitig, ineinander verzahnt - System halt. Ein Bereich riss den nächsten mit.
Warum "Ich repariere den Job" nicht gereicht hat
Ich dachte: Kriege ich den Job wieder hin, fügt sich der Rest von allein. Fuck it. War Quatsch. Hat nicht funktioniert. Es war nicht der Job. Es war auch nicht nur die Beziehung. Es war alles zusammen.
Und genau das unterscheidet diese Phase von jeder Krise vorher. Früher konnte ich für mich ausgleichen: Lief es im Job nicht, funktionierte wenigstens das Private. In der Lebensmitte klappt das nicht mehr, weil zu viel gleichzeitig ins Wanken gerät.

Ich bin Bettina Sturm – deine MidlifeKomplizin.
Ich helfe Frauen 50+, die mitten im MidlifeFuck stecken, wieder klar zu werden: über sich, ihr Leben und was als nächstes kommt. Nicht weil ich es studiert habe, sondern weil ich da selbst durch bin – mit allem, was dazugehört: Pflegebedürftige Eltern, Business-Krise, Beziehung, Wechseljahre. Alles gleichzeitig. Ich kenne das nicht aus Büchern.
Wie ich Lebensmitte heute sehe
Nix kaputt. Es ist eine Lebensphase.
Natürlich lassen sich körperliche und psychische Beschwerden behandeln, und das sollten sie auch – aber die Lebensmitte selbst ist keine Krankheit, die man "reparieren" muss, damit du wieder "normal" funktionierst. Es ist eine Phase, fordernd, ja, aber eben eine Phase und kein Fehler in deinem System.
Zuerst zählt: Wie geht es dir wirklich?
Das ist der eigentliche Kern von allem, was ich hier sage:
Nicht: Kopf hoch und das wird schon wieder. Auch nicht: Denk positiv und die Freiheit kommt von allein. Stattdessen erst mal: Ja, ist grad richtig Scheisse. What the fuck! What the MidlifeFuck!
Erst mal anerkennen, ohne dass sofort jemand mit der nächsten Aufbruchsgeschichte um's Eck kommt. Dann, vielleicht - hoffentlich irgendwann, der Blick nach vorn – nicht umgekehrt.
Wer dir die Zukunft verkauft, bevor du überhaupt wieder Boden unter den Füßen spürst, überspringt genau den Teil, der zählt.Die Frage, die bleibt, wenn die Hormone geklärt sind
Nehmen wir an, dein Hormonhaushalt ist bestens eingestellt, die Hitzewallungen sind verschwunden, der Schlaf funktioniert wieder. Bleibt trotzdem eine Frage stehen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr nur funktioniere?
Ein Hormonpräparat wird sie dir nicht beantworten.
Was das für dich bedeutet, wenn du aufhörst, alles auf Hormone – oder auf die große Freiheit – zu schieben
Du übertreibst nicht
Fühlst du dich gerade leer, gereizt, erschöpft, obwohl "eigentlich alles läuft"? Dann bist du weder überempfindlich noch falsch unterwegs. Dein Leben tickt gerade einfach anders, als jede Erklärung es dir erzählen will.
Du musst diese Phase nicht feiern, um sie zu überstehen
Du bist einfach mittendrin – ohne Freiheitsgeschichte, ohne Glitzer, ohne den nächsten "Ich habe so viel gelernt"-Post. Es reicht völlig, wenn du gerade sagst: Es ist, wie es ist, und das ist im Moment nicht leicht.
Kein Fazit. Nur eine Haltung.
Ich hab jetzt keinen Drei-Schritte-Plan für dich. Keine Übung. Keine Checkliste. Nur das hier: Lebensmitte ist mehr als Wechseljahre.
Lebensmitte ist eine Phase, in der Körper, Beziehungen, Arbeit, Familie und Identität neu verhandelt werden.FUCK YEAH!
Wenn du beim Lesen gedacht hast: „Das kenne ich. Genau so fühlt sich das an." – dann bist du nicht allein.
In meinem Newsletter schreibe ich für Frauen 50+, die in der Lebensmitte stecken – mit allem was dazugehört: Pflege, Beruf, Beziehung, Wechseljahre, Neustart. Ehrlich, ohne Schönreden, ohne Durchhalteparolen.
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Der Blogbeitrag fasst es genau zusammen: Da ist ganz schön was los um die Lebensmittel! Und jede:r hat da seine eigene Geschichte – wie gut, wenn die individuellen Situation und „Baustellen“ ernst genommen werden und darauf aufbauend Neues und Spannendes entstehen darf!
Danke dir! Genau das ist der Punkt – jede Geschichte ist anders, aber das gleichzeitige Wackeln kennen viele. Fein, dass es so bei dir ankommt.
Liebe Bettina,
dein Beitrag ist einfach mega und berührend, weil du etwas aussprichst, was vermutlich viele Frauen in der Lebensmitte fühlen, aber oft nicht in Worte fassen können. Es sind eben nicht nur die Wechseljahre. Es ist dieses gleichzeitige Wackeln an so vielen Stellen: im Körper, im Beruf, in Beziehungen, in der Familie und in der eigenen Identität. Besonders ehrlich finde ich es, dass du nicht sofort mit der großen Freiheitsgeschichte kommst, sondern erst einmal sagst: „Ja, es darf gerade schwer sein.” Genau diese Anerkennung tut gut. Ohne Glitzer, ohne Schönreden und ohne den Druck, aus jeder Krise sofort eine Erfolgsgeschichte machen zu müssen.
Danke, dass du so offen und ungeschönt über diese Lebensphase schreibst. Dein Beitrag macht Mut, nicht weil du alles leichter darstellst, sondern weil du uns daran erinnerst, dass wir nicht kaputt sind. Wir sind mittendrin. Und wir sind damit nicht allein. ❤️
Liebe Bianca, danke dir – das trifft genau den Kern! „Mittendrin, nicht kaputt“ ist tatsächlich der Satz, um den der ganze Text kreist. Ich hab da auch so meine Zeit gebraucht, bis ich das gerafft habe. Und das ich auch nicht gleich ne Lösung parat haben muss – ich die Lösungsfinderin für alles 😉
Was ein toller Artikel! Oh man, ich finde es so gut, dass du mir keine Liste mit 10 Tipps (oder das nächste Pulver) mitgegeben hast, sondern ein Fazit: Es darf auch etwas gefühlt werden, ohne dass man es gleich reparieren muss. Danke!
Oh, das freut mich voll! Danke. Ich hab selbst so oft gedacht: Ich brauch jetzt keine Liste, ich brauch jemanden, der sagt „Ok, ist grade scheiße“. Schön, dass dich das genauso erreicht hat.